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FinTechs und Digitalisierung – Modeerscheinung, schwarzer Schwan oder Rettungsring für Banken?

Verfasst von Christian Berger am .

Begegnungen

In den letzten Wochen habe ich drei Menschen getroffen die mich tief beeindruckt haben – die Fragen „Wie verändert sich meine Branche und mein Geschäftsmodell“ und „Wie kann ich damit umgehen?“ war dabei immer im Mittelpunkt der Diskussionen.

Begegnung 1 - Selbst-Verdrängung

Zuerst traf ich einen Berater in der Schweiz, der Unternehmen in der Konsumgüterbranche hilft disruptiv-innovative Produkte zu schaffen – indem er einen zentralen Gedanken konsequent mit den Unternehmen durchspielt: „Wie müsste der neue Mitbewerber und dessen Kernprodukt aussehen, um unser Unternehmen in zwei Jahren aus dem Markt zu drängen“? Der Leitgedanke hier ist es künstlich einen Schmerzpunkt zu schaffen, der kaum präsent fühlbar ist, solange es einem Unternehmen gut geht – dieser Schmerzpunkt ist aber entscheidend, damit man sich ernsthaft mit Zukunftsszenerien beschäftigt und nicht nur hofft, dass der schwarze Schwan eines überragenden neuen Mitbewerbers nie um die Ecke kommt.

Begegnung 2 - Entscheidungs-Verschleppung

Der zweite Kontakt war der Vorstand einer Bank, der damit konfrontiert ist in den nächsten Monaten einen erheblichen Anteil seiner Belegschaft abbauen zu müssen – weil er ein Kostenproblem mit seinen bestehenden Strukturen, Prozessen und seiner IT-Landschaft hat. Was mich besonders beeindruckt hat, ist seine Erkenntnis, dass die Bank mittlerweile in einem Zustand ist, wo es de facto unmöglich ist nebst der Kostensenkungsschraube auch in nach vorne gerichtete Strategien wie digitale innovative Services zu investieren. Er meinte diese Chance wäre vor gut zwei Jahren noch vorhanden gewesen, aber man hat sich zu lange Zeit damit gelassen, die entsprechenden Entscheidungen zu treffen. Mittlerweile sei man im Digitalbereich von der Konkurrenz deutlich abgehängt worden, man hat Marktanteile verloren und nun kann man nicht mal mehr einen attraktiven Kontrapunkt zu den schlechten Schlagzeilen (die das Kostensenkungsprogramm laufend mit sich bringt) kommunizieren.

Begegnung 3 - Realitäts-Verweigerung

Der dritte Kontakt der mich sehr beeindruckt hat, war der Vorstand eines großen Rechenzentrums welches als IT-Kompetenzzentrum für eine Vielzahl an Bankinstituten tätig ist. Er hat im Kreise seiner Kunden (allesamt Topmanager von Banken) versucht glaubhaft zu vermitteln, dass FinTechs nur eine große Blase sind – also etwas das derzeit gehyped wird und auch bald vorbei sein wird. Besonders interessant war die Reaktion von vielen der anwesenden Manager, denn der Großteil dürfte erleichtert gewesen sein, so ganz nach dem Motto „dann wird es schon nicht so schlimm werden, das geht auch vorbei“.

Quo vadis?

Was alle drei Fälle gemeinsam haben ist der Umstand, dass es einen gewissen Leidensdruck braucht, damit sich Unternehmen ernsthaft mit Zukunftsszenarien auseinander setzen. Während aber viele andere Branchen diese Arbeit an Szenarien sehr minutiös durchziehen, um für die Zukunft gut aufgestellt zu sein, so hoffen in der Bankbranche leider nach wie vor sehr viele Manager, dass man die Frontrunner der Digitalisierung (FinTechs) oder möglicherweise sogar die komplette Digitalisierung aussitzen kann, ohne dass man am eigenen Geschäftsmodell etwas ändern muss.

Es gibt vereinzelt Topmanager die sich ernsthaft mit einer zentralen Frage auseinander setzen: „Was soll ich tun um ein relevantes Angebot für jene Kunden zu schaffen, die meinen stationären Vertrieb de facto nicht mehr brauchen? Soll ich eine neue, separate digitale Bank aufsetzen oder soll ich versuchen, die bestehende Bank digital fit zu machen – und wie?“

Der Vorteil beim Set-Up der neuen Bank wäre es, dass man kein Erbe mitträgt und wenige Einschränkungen dabei hat, die neue Bank von einem leeren Blatt Papier weg zu entwickeln und zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Zukunft die alte Bank geschlossen werden kann. Der zentrale Nachteil dabei ist: welcher Topmanager und welcher Aufsichtsrat ist so mutig eine solche Entscheidung zu treffen und diese der eigenen Mannschaft zu vermitteln? Wenngleich in der letzten Dekade einige solcher SpinOffs gegründet wurden, so haben es doch nur die wenigsten geschafft, die alte Bank wirklich zu ersetzen – mitunter auch deshalb weil es in der Regel so war, dass das Management von der alten Bank in die neue Bank gewandert ist und somit nur bedingt disruptive Impulse im SpinOff angekommen sind.

Der Vorteil bei der Transformation der bestehenden Bank wäre es, dass man auf die bestehenden Assets (und damit meine ich nicht die Filialen als Immobilien, sondern die Qualität der Berater) bauen könnte, während man in einem integrierten Ansatz ein attraktives digitales Angebot aufbaut. Der Nachteil bei diesem Modell ist, dass in den meisten Fällen insbesondere die Legacy IT (und dies speziell bei sehr großen Rechenzentren) diesen Plan verunmöglichen wird, weil diese schlicht dafür gebaut ist stabil und kostengünstig zu funktionieren, aber eben nicht dafür, sich gegenüber Drittanbietern und damit digitalen Innovationen wirklich zu öffnen. Welches Rechenzentrum einer großen Bankengruppe hat schon einen echten Anreize beispielsweise eine offene API zu bauen, mit der die Banken schneller und günstiger digitale Module andocken können, was aber im Gegenzug für das Rechenzentrum den schrittweisen Verlust seines heutigen Monopols bedeutet?

Viele Banken tun sich sichtlich schwer mit der Entscheidung wie man die Digitalisierung angehen soll – meiner Erfahrung nach liegt eines der Hauptprobleme darin, dass die meisten Banken in den letzten Jahren ihre IT-Kompetenz soweit abgetreten haben, dass sie dem Management ihrer IT-Dienstleister heute gar nicht mehr erklären (geschweige denn aufoktroyieren) können, warum und wie diese ihr Geschäftsmodell verändern müssen, damit die Bank überlebensfähig bleibt.

Nun kann man natürlich hoffen, dass FinTechs und damit die Digitalisierung nur eine Zeiterscheinung sind – wenn man sich aber andere (digital progressivere) Branchen ansieht wird man feststellen, dass diese Entwicklungen unumkehrbar sind und dass man auch als Bank gut daran täte sich ernsthafter damit zu beschäftigen, wie man attraktive digitale Lösungen Innovation trotz, mit oder vorbei an der Legacy IT hinbekommen kann.

Themengebiete

Banking, Geschäftsmodell, Mitbewerb, Hype, Transformation.


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